Interview einer Berliner Schülerzeitung mit 

Geschäftsführer Oliver Steiner / September 2013

Wie bist Du auf das Thema Plastik gekommen?

Meine Frau arbeitet  als Ärztin mit Krebspatienten. Irgendwann im Jahr 2008 sprach sie einmal davon, dass Ihre Patientinnen mit Brustkrebs immer jünger werden und manchmal keine erblichen Faktoren vorliegen würden. Als ich dann einen Artikel über erste Studien zu den Auswirkungen des hormonell wirksamen Weichmachers Bisphenol A gelesen habe, begann ich mich mit dem Thema zu beschäftigen.

Als Kiter und Wellenreiter ist mir in diesen Jahren auch der zunehmende Plastikmüll in den Meeren aufgefallen. Der Film Plastic Planet gab dann im Jahr 2009 den letzten Anstoß,  mich in meiner Freizeit  mehr mit dem Thema zu beschäftigen.

Wie siehst Du die Entwicklung des Themas “Probleme durch Plastik” in den letzten Jahren?

2008 und 2009 musste ich mir meine Informationen aus der medizinischen Fachpresse zum Thema Weichmacher und aus internationalen Foren zum Thema Plastik im Meer holen. Nach dem Jahr 2010 kamen die Themen stärker in die allgemeine Presse, seit 2012 gibt es eine regelmäßige Artikel und Sendungen auf breiter Front. Das ist super so. Ansonsten gibt es immer mehr Forschung und Informationen zu den beiden Themenkomplexen Plastik im Meer und den Auswirkungen von Plastikgiften. Dies ist sicherlich eine Wechselwirkung mit der erhöhten öffentlichen Wahrnehmung. Und natürlich dem Bewusstsein, dass hier eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit vorliegt.

Auch die Wechselwirkung zwischen Plastikverschmutzung und Problemen mit Weichmachern wird immer transparenter. Der Fisch frisst im Meer ein Plastikteilchen. Das darin enthaltene Bisphenol A lagert sich in seinem Gewebe an und gelangt am Ende als Lachsgratin auf den Teller des Menschen. Um es einmal etwas verkürzt darzustellen.

Wo gibt es den größten Handlungsbedarf?

Sicherlich in der globalen Komponente. Es ist sehr wichtig, in Deutschland und Europa Plastikvermeidung zu realisieren. Die Umsetzung der MARPOL-Vorschriften muss von der Bundesregierung und EU durchgesetzt werden. So wird vermieden, dass Plastikmüll von Schiffen in das Meer entsorgt wird. Auch ein Verbort von Plastiktüten und Mikroplastik in Kosmetik und- Körperpflegeprodukten muss zwingend durchgesetzt werden. Zu diesen Themen haben wir Petitionen beim Deutschen Bundestag und der EU eingegeben. Immerhin hat sich die EU  im Bereich der  Plastiktüten etwas bewegt und den Ländern zumindest die Möglichkeit gegeben, dünnere Tüten zu verbieten. Zudem muss die Politik die Forschung unterstützen: Zum Beispiel zum Thema der Verringerung der Einbringung von Plastik in die Meere, aber auch zur Entwicklung von Bioplastik.  Letztendlich sind auch die Unternehmen in der Pflicht, weniger Plastikverpackungen anzubieten und zunehmend auf Bioplastik zu setzen. Möglichst aus komplett biologisch abbaubaren Rohstoffen. Wobei die notwendigen Anbauflächen auch immer für die Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrung benötigt werden. Somit werden wir auch mit Verzicht leben müssen. Hier kommt der Verbraucher ins Spiel. Er muss bewusst auf Plastik verzichten. Insbesondere Plastiktüten und Produkte mit Mikroplastik oder Plastikverpackungen.

Aber Eingangs sprach ich von der globalen Komponente. Ich denke schon, dass wir mit viel Kraft in den Industrieländern einiges erreichen können. Allerdings dürfen wir die Schwellen -und Entwicklungsländer nicht vergessen. Schließlich sind wir in den Industrieländern der Hauptlieferant von Plastik für andere Länder. Und von dort gerät – aufgrund fehlenden Recyclings ein Großteil in die Meere. Wir arbeiten derzeit in einem Expertengremium der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit an einem Konzept, um in Schwellen -und Entwicklungsländern die Einbringung von Plastikmüll in die Meere zu verringern.
Allerdings sollte nicht der Eindruck aufkommen, dass es in den Schwellen -und Entwicklungsländern keine Initiativen gegen Plastik geben würde. Zu nennen wären beispielsweise das Verbot von Plastiktüten in Ruanda und das Verbot zur Einfuhr von nicht sortierten Plastik in China.

Wichtig ist eine globale Vernetzung gegen ein globales Problem. Leider sehe ich manchmal geradezu einen Wettbewerb zwischen den einzelnen Umweltorganisationen zum Thema.

Was bereitet Dir besondere Bedenken?

Die Dynamik und unfassbare  Nachhaltigkeit des Problems. Jedes Jahr landen fast sieben Millionen zusätzliche Tonnen Plastikmüll in unseren Meeren, geschätzte140 Millionen Tonnen schwimmen schon dort. Es zählt jeder Tag, da täglich die Plastikflut in unseren Meeren zunimmt und der Abbau des Plastik bis zu 400 Jahre dauert.. Was wir heute in das Meer einbringen, wird nachfolgende Generationen noch viele Jahrhunderte beschäftigen. Auch die zunehmende Belastung der Bevölkerung mit Weichmachern und den dadurch ausgelösten Krankheiten sollten nicht unterschätzt werden. Mittlerweile gibt es Studien zur Verursachung von Krebs, Diabetes, Hyperaktivität, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Zahnveränderungen und anderen Krankheiten durch Bisphenol A.

Wie viel Plastik gibt es in deinem Alltag?

Viel zu viel. Ich bin kein radikaler Übermensch, der völlig ohne Plastik lebt. Aber ich schaue im Alltag genau hin. Kaufe ich zum Beispiel des Salat mit oder ohne Plastikverpackung, Ich nehme immer eine Stofftüte mit zum Einkaufen .Beim Caffee to Go nehme ich keinen Plastikdeckel. Seitdem ich weiß, dass Fleecekleidung bei jedem Waschgang tausende Plastikpartikel freigeben, die am Ende im Meer landen und von den Tieren dort für Plankton gehalten werden, würde ich mir keine Fleecekleidung mehr kaufen. Ich denke schon, dass man als Verbraucher Zeichen setzen kann.

Wie sehen die Schwerpunkte euer Arbeit in Zukunft aus?

Wir werden weiter Aufklärung betreiben und Informationen zum Thema sammeln sowie dem Verbraucher bereit stellen. Ein Schwerpunkt wird hier zukünftig Social Media sein. Zudem werden wir Lobbyarbeit Richtung Bundestag und Europäische Union betreiben. Auch wollen wir die Unternehmen an Ihre Verantwortung erinnern. Besonders die globale Vernetzung der Umweltorganisationen und Interessengruppen, die gegen Plastikflut kämpfen, liegt uns am Herzen. Etwas zu kurz gekommen ist in der Vergangenheit die Aktionsarbeit, beispielsweise das “Fishing for Litter” oder andere Kampagnenformen, bei der Plastik gesammelt wird  – hier werden wir deutlich aufholen, wobei wir als Ehrenamtliche natürlich zeitlich limitiert sind.

Bekommt Ihr Geld für eure Arbeit?

Nein, wir arbeiten ausschließlich ehrenamtlich. In den ersten Jahren haben wir eher Grassroots gelebt . Halt eine kleine Internetseite um die Öffentlichkeit zu informieren, Austausch zwischen Gleichgesinnten , mal eine Petition einbringen und einige lokale Aktionen zum Plastik sammeln. Mittlerweile sind wir ein eingetragener Verein und können auch Spenden sammeln. Unsere Aktivitäten werden von Jahr zu Jahr umfangreicher und professioneller. Die Dimension des Problems, mit dem wir uns beschäftigen, macht dies allerdings auch notwendig.

http://plasticontrol.de/